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Claudia
von Funcke
Auer
M ühlbach Am Neudeck
Neueröffnung des Auer Mühlbachs und Gestaltung des Umfelds Am
Neudeck
Künstlerische Gestaltung Wettbewerb
"...
mit dene fünf Kinder, mit mein Mann, mein alten Vatern und der Schwiegermutter
Hund, Katz und Kanari ham mir oan Zimmer. ...Ja, ja, mir sind furchtbar
beschränkt nicht mir selber, sondern mit unserer jetzigen
Wohnung. Wohnung kann man da eigentlich nimmer sagn, mir sagn halt so,
weil wir bis jetzt noch keinen passenden Ausdruck dafür gfunden ham,
wie wir unser Heim nennen könnten. Loschie mögn ma net sagn,
weil das ein Fremdwort ist, und Dreckloch, das ist uns zu ordinär.
Wir wohnen halt jetzt sechs Jahr in der Vorstadt in der Quellengasse,
neben der alten Papierfabrik am Mühlbach. Hausnummer ha ma kaone,
aber es ist leicht zu finden wenns uns bsuchen wolln, brauchns
nur in d`Quellenstrass gehen wo de Kunstmaler allweil umananderhocka
und speziell das Häusl, wo de allweil abmaln in dem
wohna mir."
(Valentin, Der Umzug, Prolog)
Die spezielle Situation
am neugeöffneten Auer Mühlbach empfiehlt sich für einen
klaren und bewussten Umgang mit den besonderen Gegebenheiten vor Ort und
der Au als altem Münchner Vorortsviertel.
Da der Bach, das herausragende Element in dem gesamten Projekt, von der
Nockerbergstraße nicht zu sehende ist oder erst wenn man
an der Brüstung steht und nach unten blickt, wollte ich das Wasser
sichtbar in das Kunstobjekt einbinden.
Den geeignetesten Standort hierfür bietet in mehrfacher Weise der
Bunker im Hanggelände, welcher weithin von der Straße sichtbar
ist, d.h. auch für Autofahrer oder Trambahngäste. Zum einen
bietet dieser solide Befestigungsmöglichkeiten, steht aber auch als
ambivalentes Relikt der Vergangenheit da (Luftschutzbunker im 2. Weltkrieg).
Der Hang selber, heute bewaldet, ist ebenfalls mit Geschichte durchsetzt.
Noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts mit alten Herbergsanwesen bebaut,
ist sein Inneres mit Tunneln, Gängen, Bier-Pipelines"
und Quellen durchsetzt, die als Brauwasser für die an der Hochstraße
gelegene Paulaner Brauerei dienten. Heute dominieren in diesem Abschnitt
des Bachs auf der städtischen" Seite Gebäude Münchner
Obrigkeit und ihres Vollzugs und auf der grünen" Seite
die Paulaner Brauerei.
Angelehnt an die Form
der Herberge ist das Spiegelgemach übertrieben perspektivisch verzerrt,
dem Bunker freischwebend" vorgesetzt. Drei verspiegelte Flächen,
Front, Seite und Dach andeutende, sind gleichermaßen nach außen
geklappt, leicht zueinander geneigt und bieten je nach Winkel und Standpunkt
des Betrachters jeweilige Variationen der drei Grundansichten: die gelbe
Häuserfront der Jugendstrafanstalt und des Frauengefängnisses,
den bayrischen Himmel im einzelnen Fall die Skyline von München
im Anschnitt und den Auer Mühlbach. Diese Ansichten wechseln in Intensität
und Farbe je nach Wetter und Tageszeit und symbolisieren zugleich drei
zeitliche Dimensionen.
In nahem räumlichen Bezug zum Spiegelgemach steht ironisierend frei
nach dem Lied von Karl Valentin Drunt in der greana Au..."
ein echter Birnbaum am Wegesrand, welcher des Nachts blau angestrahlt
wird.
Die Au und die
Herbergen
Die Au war bereits im 13./14. Jahrhundert eine feste Siedlung, während
der Auer Mühlbach schon 957 als Energiequelle für den ältesten
bezeugten Gewerbebetrieb im Münchner Raum erwähnt wurde. Die
Au, kurzfristig sogar eigenständige Stadt und ab 1854 in München
eingemeindet, galt lange Zeit als traditioneller Wohn- und Arbeitsraum
für Handwerker, Arbeiter und fragwürdige Existenzen".
Bis heute ist es ein sozial eher schwaches Viertel, dass sich vielleicht
gerade deshalb einen speziellen Münchner Charme erhalten hat - nicht
nur wegen der Auer Dult und der hier betriebenen Brau- und Trinkkultur.
Lange als Krattler- und Scherbenviertel" verschrien, bildete
sich hier neben ehrwürdigen Schreinern, Zimmerleuten, Mausfallen-
und Makkaroninudelmachern eine Art Lumpenproletariat, das aus Platznot
seine eigene Wohnform, die der Herbergsanwesen mit Stockwerkseigentum
schuf.
Formensprache
Die Form des Spiegelgemach lehnt sich an den Gasthof Neudecker Garten"
mit seinem für viele Herbergsanwesen typische Krüppelwalmdach
an.
Die drei Seiten des Hauses, die fragmentarisch für das Ganze stehen,
wurden quasi aufgeklappt und nach drei verschiedenen Fluchtpunkten hin
perspektivisch verzerrt, wodurch sich die gesamte Ansicht von der Position
des Betrachters, meist von sehr rechts oder links, selten frontal, durch
den natürlichen Verlauf der Wege entlang des Bachs nochmals stark
verändert. Perspektive an sich wird karikiert und das Vertrauen auf
eine optische Wahrheit empfindlich gestört.
Insgesamt sind die Maße wiederum zu klein für ein richtiges
Haus", was durch die Nähe zum einsamen, blauen Haus"
offensichtlich wird.
Spiegel und Fassade
Der Spiegel wirft die Frage nach Objektivität und Wahrheit auf, ohne
diese tatsächlich zu bedienen. Er spielt mit den Elementen Schönheit
und Ästhetik, mit Reflexion und wahrheitsgetreuer Wiedergabe, birgt
aber gleichzeitig die Qualität des Jahrmarkts wie Eitelkeit, Verwirrung
und optische Täuschung. Auf der anderen Seite gilt er als Instrument
der Sicherheit bei unübersichtlichen Straßenverhältnissen
und der Observation der Polizei.
Verspiegelte Fassaden gehören zudem zum bekannten Repertoire moderner
Architektur im krassen Gegensatz zum meist in Holz gebauten Herbergsanwesen.
Das Spiegelgemach offeriert ganz wider die Natur des Hauses nur die vorgehängte
Fassade, ist nur Fassade, und persifliert damit den momentanen Wahn der
schönen, glatten Oberfläche, den Hang zur glitzernden Verkleidung,
den Hang zum Schein und damit die heutige Ausformung des bürgerlichen
Schönheitsideals.
Claudia von Funcke
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