< zurück Wettbewerb 4: Technisches Rathaus  
 

 

Bernhard Härtter

Wettbewerb Technisches Rathaus


In den Innenhof wird eine rundum geschlossene Aluminiumhütte gestellt, deren Grundriss dem des Baureferats folgt. Die Bleche werden unterschiedlich „provisorisch" bearbeitet. Maße: 4x7m, Höhe 2,7-4m.

Peripherie und Eckpunkt
Von den Intentionen ausgehend, die dem ursprünglichen Standortvorschlag im Zentrum des Baureferat zu Grunde lagen, habe ich den Standort der Aluminiumhütte noch einmal überprüft.
Die Hütte sollte besser vor dem Gebäude, genau an der Ecke Friedenheimerstraße/ Berg-am-Laim Straße zur Aufstellung kommen. Dieser Platz erfüllt alle Anforderungen meiner ersten Angabe und hat meines Erachtens nur Vorteile.

Soweit ich die Lage einschätzen kann, führen die meisten Wege der Anwohner und Angestellten direkt durch den Innenhof des Baureferats. Dort befinden sich Haupteingang, Cafeteria, Sitzbereiche, Kindergarten, Spielwiese usw. Der offene Innenbereich des Baureferats ist als befriedet geschützte Enklave angelegt, die eine vom „Getriebe der Straße" ausgeklammerte Begegnungs- und Aufenthaltszone schafft.

Eine Aufstellung der Aluminiumhütte in dieser Innenzone hatte ich aus einer prinzipiellen Vorstellung heraus vorgeschlagen: Die Hütte sollte als „Herzstück" die Stelle im Zentrum der Installation einnehmen, die in ihren Aufgaben und Funktionen auf den gesamten „Organismus" der Stadt ausgerichtet ist.

Ihre mögliche Kraft entwickelt sie jedoch nur, wenn sie nicht nur eine gemeinte symbolische Zugewandtheit zum öffentlichen Raum der Stadt suggeriert, sondern tatsächlich auch eine reale Beziehung im Stadtraum schafft.
Die gedanklich anvisierte „Zentralstelle" des ersten Vorschlags findet sich aber nun, nach eingehenden Überlegungen, genau an der oben genannten Straßenecke am Fuße des Turmes.

Als emblematisches Zeichen ist die Laube an dieser Stelle leicht erfassbar. Trotz seiner Exponiertheit und unmittelbaren Straßennähe erscheint die Hütte dem zufälligen Blick aus der Zwangsmechanik des rollenden Verkehrs wie ein unerreichtes „Dornröschenschloss". Es spannt sich die Feder zwischen öffentlicher Schaustellung und idyllisch anmutender Ferne.

Die Ecke liegt an einem etwas entrückten Platz im peripheren Fußgängerbereich des Baureferats und doch gleichzeitig exponiert an der doppelspurigen Hauptstraße. Die Tiefgarageneinfahrt bildet einen weiteren Verkehrspunkt. Der Ort liegt – nimmt man den Bahnhof als Ausgangspunkt des Passantenverkehrs – geradezu im Abseits. Obwohl deutlich sichtbar, erhält die Hütte so platziert eine gewisse Poesie der Distanz und Entzogenheit. Sie fügt sich an dieser Stelle, ganz selbstverständlich und ungekünstelt, in die bestehende Grünanlage ein. Auf den ersten Blick erscheint die Arbeit dort wie ein genehmigungslos wild errichteter Blechschuppe, der erst auf den zweiten Blick als Kunstwerk identifizierbar wird.

Der ikonographische Stachel aus soziokulturellen Anspielungen und bautechnischen wie kunstformbezogenen Ironien säße mit einer kristallinen Bruchbude im Vorgarten des Baureferat fest im Bewusstsein des öffentlichen Projektionsraumes. Wie beiläufig und doch selbstbewusst im Grünstreifen entlang der öffentlichen Straßen platziert, schafft das „Aushängeschild" des Baureferats eine herausfordernde Realität im Stadtraum, das die Fragen von Kunst, Publikum und Stadt fortgesetzt miteinander verwickelt. Die Formulierung schafft einen breiten Rahmen unterschiedlichster identifikatorischer wie projizierter Anknüpfungspunkte.


Hütte

Black cube und Außenraum

Die Konzeption der Hütte habe ich inzwischen noch spezifischer gefasst. In die Außenhaut des kristallartigen „Kubus" werden die Laibungen von Fenstern und einer Tür reliefartig eingearbeitet. Es entsteht so eine differenzierter gegliederte Oberfläche, die weiter auf einen Innenraum verweist. Durch die kleinen zufälligen Perforationen wird der Blick ins Innere der Hütte möglich. Nach einer gewissen Adaptionszeit, die das Auge braucht, um die Dunkelheit zu durchdringen, wird der Betrachter einer kargen Innenraumeinrichtung gewahr: Tisch, Stuhl, Bett, Wand, Regal, Becken, Schrank, Ofen, Bilder usw. – kurz alles, was eine abgeschlossene, autarke Wohnsituation auf kleinsten Raum erfordert und bestimmt. Das gesamte Inventar ist vollständig aus Aluminium gefertigt. Außenhaut und Innenraum bildet eine perfekte Einheit, wie Gehäuse und Mechanik einer Taschenuhr.

Im Innenraum der Hütte findet ein permanentes – doch für den außenstehenden Betrachter unmerkliches – Lichtspiel statt. Ihr geschlossener Corpus ist ein „instrumentaler Resonanzraum", in dem sich die Bilder der Außenwelt verfangen und überlagern. In der löchrigen „Camera" huschen die Lichter und Schatten durch den künstlichen Raum. Lyrisch gesprochen verschluckt die Kammer die Welt und entlässt sie erinnert.

Der Betrachter mag an eine Mönchs- oder Gefängniszelle denken, eine Philosophenkammer, eine Dichterklause... Vielleicht tauchen Gedanken an die Studiolos und Zimmer wie die bekannten in Sils Maria, Tübingen, Arles auf, vielleicht erinnern die kleinen Einfallslöcher des Außenlichts an ein Observatorium, an Newtons Kenotaph, an eine Raumstation...

Kontrapunktisch ergänzen sich der entrückte Lichtkreis der „generellen Übersicht" auf der Höhe des Turms von B. Bloom, und die „Dunkelkammer" mit ihrem verstohlenen „Lächeln am Fuße der Leiter" (H. Miller). Inmitten des urbanen Raums konstruieren beide Konzeptionen im Rückgriff auf Bilder der Geschichte und Erinnerungen einen Fluchtpunkt der Distanz: Der „Halo" auf der Ebene des Enthobenen, die Hütte auf der Ebenen des Entzogenen.

Garten

Erinnerung und Übergang


Eingefasst wird die Laube von den schon erwähnten heimischen Pflanzen wie Hartriegel, Holunder, Hagebutte, Schleedorn, wilden Rosen u.ä. Es sind „alte" Pflanzen der Weg- und Waldgrenzen, aus typischen Bereichen des Übergangs, der Ab- und Eingrenzungen. Die Sträucher versperren Blick und Zugang und schaffen Überleitungen. Zu finden sind die Gehölze in urbanen Randzonen, wie auch in landwirtschaftlich geprägten Gebieten. Ihre „Bilder" sind eng mit Vorstellungen und Erinnerungen eines heimisch-heimatlichen Kulturraums verbunden. Es sind Bilder, die mit allgemein ländlichen Traditionen im Umgang mit Landschaft (z.B. Scheunen mit Holunder, Hagebutten auf Feldsteinhügeln), wie auch mit ganz individuellen Erfahrungen der Kindheit verknüpft werden.

Eine Anpassung dieser Gehölze im Grünstreifen um das Baureferat würde dessen „Randzone des Übergangs" als „Kulturraum", der mit „Konnotationen an Heimat und Kindheit geladen ist", in Kraft setzen und auf die prinzipielle Funktionen des begrünten Randstreifens als eine Abgrenzung und Einfriedung rekurrieren. Der wilde wie auch kultivierte „Dornrösschenwall" würde nicht nur die „Einsiedelei aus Aluminium" partiell einfassen, sondern die gesamte Baureferatsanlage umschließen. Was der „leuchtende" Turm mit seiner teleskopischen Hinwendung zu den entfernten „Städten der Welt" ist, ist der „dornige" Heckenring in umgekehrter Richtung für das Innenliegende, für das Nahe und Lokale. Die Konzeption bezieht sich nun nicht mehr vom ehemals „entlegenen Kern im Zentrum" auf die Gesamtheit des Baureferats, sondern umfasst sie jetzt ganz mit und in ihrem peripheren Rand. Die eingangs erwähnte, aus dem „Getriebe der Stadt" separiert-offene Enklave des Innenbereichs verwandelt sich, bildhaft gesprochen, in einen eingefriedeten Garten mit blühenden Heckenrand.


Bernhard Härtter