< zurück Wettbewerb 7: Amt für Abfallwirtschaft/ Betriebshof Ost  
 

 

EMPFANGSHALLE

WOHER KOLLEGE – WOHIN KOLLEGE

(Fotos: Markus Götzfried)

Neubau des Amt für Abfallwirtschaft / Betriebshof Ost

Der neue Betriebshof Ost des Abfallwirtschaftsamts zeichnet sich durch eine Baukunst aus, der formal nichts hinzugefügt werden muss. Ein standortgebundenes skulpturales Kunstwerk zu platzieren, wäre auch im Hinblick auf die eher geringe Öffentlichkeit des Ortes fragwürdig. Ein Kunstwerk muss kommunizieren. Es braucht Publikum. Das interne Publikum ist vorhanden: Betriebsangehörige, Besucher... Damit wollen sich Empfangshalle jedoch nicht begnügen. Wie immer in ihren Arbeiten geht es um einen Kontakt zu Menschen, um eine Beschäftigung mit den Begriffen von Individuum und Gruppe und der medialen Funktion von Kunst.
Jeden Tag verlässt ein Schwarm Müllfahrzeuge das Gebäude, begibt sich auf verzweigte Routen durch die Stadt, um sich nach getaner Arbeit wieder am Ausgangspunkt zu sammeln. Diese vorhandene dynamische Struktur wird von Empfangshalle benutzt, um ein Kunstwerk entstehen zu lassen, das Intern und Extern, Betrieb und Öffentlichkeit verknüpft. Dabei soll es nicht aufdringlich verändern, sondern sich über existierende Kanäle ein Publikum nehmen.

1. Flottmachen
Empfangshalle baut ein Müllauto vom Abfallwirtschaftsamt reisetauglich um, ohne das Äußere zu verändern. Um in das System einzusteigen, wird ein Müllfahrzeug besorgt, das sich von außen nicht von einem gewöhnlichen unterscheidet. Das Innenleben, Müllpresse etc., wird jedoch ausgebaut und dem Gefährt damit ermöglicht, auch weitere Strecken im Auftrag von Empfangshalle zurückzulegen. Das präparierte Fahrzeug verrät seine neue Funktion durch ein kleines Schild mit der Aufschrift "Kunstbetrieb", um Verwechslungen mit "echten" Müllwagen bei näherem Hinsehen auszuschließen und auf die besondere Mission zu verweisen.

2. Wohin, Kollege?
"Wo kommt Ihr alle her? Wenn Du an daheim denkst, was fällt Dir ein?" Empfangshalle sammelt die Antworten der Belegschaft und legt die Reiseroute fest. Ein Charakteristikum der Belegschaft ist die Heterogenität ihrer Herkunft. Viele Nationalitäten sind vertreten. Die Mission, für die das Müllfahrzeug
von Empfangshalle präpariert wurde, zielt auf diese Heterogenität. Der erste Teil der Kommunikation beginnt: Die Künstler lassen jeweils ein Mitglied der Stammbesatzung von jedem im Betriebshof stationierten Müllauto einen Ort nennen, mit dem es seinen persönlichen Heimatbegriff verbindet und den es gerne in der Öffentlichkeit zeigen würde. Eine Route wird von Empfangshalle festgelegt, auf der das Kunstbetriebs-Müllfahrzeug die Ziele ansteuern soll.

3. Auf geht´s!
Die Fahrt des Müllautos zu den verschiedenen Heimaten: der Müllmann macht sein persönliches Heimatbild mit Müllauto. Auf der festgelegten Route macht das Müllfahrzeug im Kunsteinsatz an den
jeweiligen, mit dem Heimatbegriff verbundenen Stationen halt für einen Fototermin. Das orangefarbene Müllfahrzeug muss auf jedem Foto dabei sein, egal ob das Ziel der Wünsche im Allgäu oder in Nordafrika liegt. Den Motiven sind kaum Grenzen gesetzt, wie Stichproben zeigen. Ob man das Müllfahrzeug
vor dem Geburtshaus des Fahrers, im südfranzösischen Sonnenblumenfeld der Schwiegereltern oder beim jährlichen Harleytreffen ablichtet: die Belegschaft ist wesentlicher Gestalter des Kunstwerks, einerseits in der Wahl des Motivs sehr persönlich, andererseits durch das täuschend echte
Müllfahrzeug im Bild mit den Kollegen verbunden.

4.Anmachen, Kollege!
Die Fotos kommen zurück. Die Werbeflächen auf der Müllflotte werden damit bestückt.
Empfangshalle sammelt die auf der Route entstandenen Motive. An den Müllfahrzeugen in München befinden sich gewöhnlich große Plakate für Eigenwerbung (Müllvermeidung, Recycling etc.). Dort wird jeweils ein Foto dauerhaft angebracht, sodass jeder Wagen mit seinem eigenen Motiv herumfährt. Die Motive sind so zugeordnet, dass es sich um das persönliche Motiv eines jeweiligen Besatzungsmitglieds handelt. Jeder Kollege, der mitgemacht hat, bekommt also sein Foto auf "seinen" Wagen.

5. Woher, Kollege?
Die Flotte schwärmt täglich aus und zeigt die Heimatbilder von nun an den Bürgern: Mobile Fotoausstellung. Wenn nun das morgendliche Ausschwärmen der Müllfahrzeuge beginnt, dann
schwärmt gleichsam eine Fotoausstellung zu den Bürgern in die Stadt. Mehr als das: durch die Verbindung zu einem der Besatzungsmitglieder des Fahrzeugs fährt der Urheber, mögliche Interpret und Geschichtenerzähler mit. Face to face treffen Kunst, Publikum und Urheber zusammen und realisieren, mindestens in der optischen Wahrnehmung den zweiten Teil des Kommunikationsanspruchs. Abends konzentriert sich alles wieder zur großen Ausstellung im Betriebshof Ost, um am nächsten Morgen wieder
auszuschwärmen...

So entsteht ein Kunstwerk, das den Aspekt der Kommunikation in doppelter Weise vorführt, das von Identität, von Heimat, von Familie, immer aber auch durch das Fahrzeug vom Beruf handelt, ob mit Stolz, Ironie oder Witz... Im Grund entsteht eine Fotoausstellung, die jeden Morgen neu in die Öffentlichkeit gebracht wird und die, wenn einmal der Zeitpunkt gekommen sein sollte, die Flächen an den Fahrzeugen neu zu gestalten, an einem festen Ort weiter präsentiert werden könnte. Die Aktion materialisiert sich in dieser Exposition, behält aber ihre Dynamik und möbliert nicht bloß sie beherbergende Architektur. Die entstandenen Fotografien sind aufgeladen mit der Erinnerung an ihre Entstehung und später an ihre Wege durch die Stadt.

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